Die LEG kassiert, die Derr-Siedlung verfällt: Mieten-Notstand in Steinbüchel
Der Kreisverband der Linke Leverkusen hat gemeinsam mit ihrem Bezirksvertreter Ralf Venzke am vergangenen Wochenende einen Infostand in der Derr-Siedlung in Steinbüchel gemacht. Das Ergebnis: viele Gespräche, ein klares Bild und noch mehr Wut auf einen Vermieter, der Milliarden verwaltet, aber offenbar keine Handwerker findet.
Wer durch die Derr-Siedlung an der Albert-Schweitzer-Straße läuft, sieht Gerüste an den Häusern. Was für die einen nach Sanierung und Modernisierung aussieht, ist für die Menschen, die hier wohnen, vor allem das ungute Zeichen dafür, dass wohl demnächst erneut eine Mieterhöhung im Briefkasten auf sie wartet.
Wir haben letztes Wochenende mit Anwohner:innen gesprochen und vor allem eins getan: zugehört. Was uns die Menschen erzählt haben, sind keine Einzelfälle, sondern offenbaren ein Muster, das wir längst aus vielen anderen Städten kennen, in denen die LEG als Vermieter auftritt: Die Häuser werden nur notdürftig Instand gehalten, Mängel werden, wenn überhaupt, nur oberflächlich behoben. Dafür wird regelmäßig die Miete erhöht. Mit dem Ergebnis, dass die Häuser mehr und mehr verfallen, während die Mieten weiter steigen. Genau das ist gemeint, wenn wir von einem Mieten-Notstand sprechen und für die Menschen, die in der Derr-Siedlung leben, ist das kein abstrakter Begriff, sondern gelebter Alltag.
Der Aufzug, der drei Monate steht
Eine Anwohnerin, die seit 2001 in der Siedlung lebt, erzählt: Am Anfang sei es okay gewesen, hier zu wohnen. Mittlerweile reihe sich eine Mieterhöhung an die nächste, obwohl sich in der Siedlung erkennbar nichts verbessert habe, ganz im Gegenteil. Vor Kurzem sei der Aufzug drei Monate lang ausgefallen; eine Nachbarin mit Rollator kam aus dem siebten Stock kaum noch raus. Ihr eigenes Bad, erzählt sie uns, sei seit zwei Jahren eine Dauerbaustelle, die die LEG nicht fertigstellt. Sie zeigt auf Baugerüste, die Häuser direkt neben unseren Infostand umgeben und sagt, sie rechne fest mit der nächsten Mieterhöhung, sobald die neue Dämmung an den alten Häusern angebracht ist. Sie fühle sich ziemlich machtlos, sagt sie uns.
„Seitdem die LEG Vermieter ist, wird es immer schlimmer”
Ein Rentner, der früher bei Bayer gearbeitet hat und seit Jahrzehnten in der Siedlung wohnt, bringt es auf den Punkt: Früher habe es ein Hausmeisterbüro vor Ort gegeben. Heute gebe es nur noch ein Büro, das ausschließlich für Vermietung und Kündigung zuständig ist. Wer einen Mangel melden will, muss anrufen, oft mehrmals. Ob der Mangel dann tatsächlich behoben würde, sei aber auch nach einer Reklamation längst nicht garantiert.
Das Einzige, was in den vielen Jahren, die er nun hier wohnt, überhaupt erneuert wurde sei das Bad, erzählt er weiter. Direkt danach sei die nächste Mieterhöhung von der LEG gekommen. Neue Mieter, berichtet er weiter, würden für vergleichbare Wohnungen bei Einzug mittlerweile über 200 Euro mehr zahlen, als er mit seinem Altvertrag.
Bemerkenswert ehrlich benennt er am Ende des Gesprächs auch die andere Seite: Ja, die Siedlung sei an vielen Ecken dreckig, auch weil Jugendliche manchmal mutwillig etwas beschädigen würden. Das sei aber nicht die Hauptursache, ergänzt er: Die LEG kassiere für die Reinigung der Siedlung ordentlich über die Nebenkosten, davon, dass das Geld auch zur Reinigung verwendet würde, könne man aber wenig sehen. Außerdem ist er überzeugt, dass den Jugendlichen in der Siedlung schlicht ein Ort fehle, an dem sie sich treffen können und einfach Jugendliche sein dürften.
Eine Miete, die sich verdoppelt hat
Eine ältere Anwohnerin mit Legasthenie, die ihre Angelegenheiten über eine Betreuerin regeln lässt, erzählt: Bei Einzug habe sie 300 Euro Miete gezahlt. Heute seien es über 600 Euro. Gemacht worden sei in der Zeit nichts.
Wehren kann sich lohnen
Aber nicht jede Geschichte endete mit Ohnmacht. So berichtet eine Nachbarin, wie die LEG immer wieder versucht habe, ihre Miete zu erhöhen. Sie habe jedes Mal mit Hilfe des Mietervereins widersprochen und Recht bekommen. Sie ist ein kleiner, aber wichtiger Beweis dafür, dass es sich lohnt, sich zu wehren.
Ein System mit Kalkül
Was uns erzählt wurde, deckt sich mit dem, was seit Jahren regelmäßig über die Derr-Siedlung berichtet und öffentlich dokumentiert wird: defekte Aufzüge, Schimmel, Rattenbefall, Wasserschäden, leere Versprechungen, Druck durch Anwälte der LEG, wenn Mieter:innen versuchen sich zu wehren und ihr Recht einzufordern.
Dass sich die Erfahrungen der Menschen in der Derr-Siedlung über die Jahre kaum verändert haben, zeigt: Trotz jahrelangem Wissen um die Zustände hat sich strukturell nichts geändert, die LEG konnte unbeeindruckt von öffentlichem Druck weitermachen wie bisher.
Und der Grund dafür ist eiskaltes Kalkül: Ein Konzern wie die LEG mit rund 173.000 Wohnungen bundesweit weiß genau, dass sich Instandhaltung auf Sparflamme rechnet und kalkuliert ein, dass einzelne Mieter:innen glauben, sich nicht wehren zu können. Denn bei den Mieter:innen der LEG trifft es besonders Menschen, die es ohnehin schon schwerer haben: die finanziell wenig Spielraum haben, keine Rücklagen für einen Rechtsstreit und oft auch migrantische Wurzeln, mit zusätzlichen Hürden von Sprachbarrieren bis zur Angst vor Behörden. Genau von diesen Menschen erwartet die LEG den geringsten Widerstand.
Was wir tun
Wir schließen uns mit unseren Nachbar:innen in der Derr-Siedlung zusammen. Wir sammeln weiter Geschichten wie diese und unterstützen die Menschen dabei, sich zu organisieren, damit sie sich zusammentun und selbst Druck auf die LEG machen können. Parallel dazu stellen wir eine Anfrage an die Stadtverwaltung: Wir wollen Transparenz herstellen und wissen, was über die Zustände in der Derr-Siedlung bekannt ist und was die Stadt zu tun gedenkt. Denn ein bezahlbares, sicheres Zuhause ist kein Luxus. Das steht uns allen zu, und zwar unabhängig von Herkunft und Kontostand.
Nachbarschaftstreffen Anfang Oktober
Deshalb planen wir ein Nachbarschaftstreffen Anfang Oktober. Gemeinsam wollen wir überlegen, wie wir uns wehren können, weil die LEG bspw. ihren Instandhaltungspflichten nicht nachkommt oder die nächste Mieterhöhung kommt. Echte Solidarität mit und unter den Nachbar:innen ist das, was uns stark macht und was ein Konzern wie die LEG am meisten fürchtet.
Du wohnst auch in einer LEG-Siedlung oder hast ähnliche Erfahrungen gemacht, zum Beispiel mit Vonovia und Co.? Du brauchst Unterstützung dabei, dich mit Nachbar:innen zu vernetzen, damit wir uns gemeinsam wehren können? Melde dich bei uns!

