Cube-Insolvenz, oder: Wenn privates Versagen zur öffentlichen Last wird
Die Insolvenz der Cube Real Estate AG ist keine Überraschung, sondern der vorhersehbare Endpunkt einer Stadtentwicklungspolitik, die wir seit Jahren kritisieren. Wer zentrale Stadtflächen einem einzigen privaten Firmengeflecht überlässt und dabei auf verbindliche (soziale) Absicherung verzichtet, darf sich nicht wundern, wenn am Ende nur eine Brache bleibt.
Gewinne privatisiert, Risiken sozialisiert
Was wir hier sehen, ist ein Lehrbuchbeispiel für das, was passiert, wenn Stadtplanung privatisiert wird. In guten Jahren streichen Investoren die Gewinne ein. Wenn es schiefgeht, tragen alle anderen die Kosten: Handwerksbetriebe, die auf ihrem Geld sitzen bleiben, Menschen, die auf Wohnraum warten, die Stadt, die ihre Planungshoheit an ein Firmengeflecht abgetreten hat, und am Ende die Steuerzahlenden, wenn öffentliche Infrastruktur und Stadtentwicklung jahrelang stillstehen. Gewinne werden privatisiert, Risiken sozialisiert.
Ein Loch mitten in Opladen
Das Bahnhofsquartier, das als wichtigstes noch unbebautes Grundstück in Opladen und Scharnier zwischen Innenstadt und Bahnhof gilt, gehört jetzt zum Kapital einer insolventen Gesellschaft. Der Bebauungsplan existiert seit 2022. Die Pläne waren fertig. Was bleibt, ist ein riesiges Loch in der Stadt. Und Handwerkbetriebe, die nun auf offenen Rechnungen sitzen bleiben. Kein großer Investor und kein Rettungsschirm fängt das auf.
Jahrelanges Wegschauen hat einen Preis
Die Stadtspitze hat nicht nur jahrelang zugeschaut, wie ein einzelnes Firmengeflecht mit dutzenden Tochtergesellschaften und kaum nachvollziehbaren Verantwortungsstrukturen zum zentralen Akteur der Opladener Innenentwicklung wurde, sie hat dabei auch noch kräftig mitgefeiert. Abrisspartys, Pressetermine, gemeinsame Auftritte: Die Stadt hat das Cube-Projekt aktiv als Erfolgsgeschichte inszeniert und vermarktet. Wer so eng mit einem privaten Investor auf Schulterklopf-Kurs geht, verliert zwangsläufig den kritischen Abstand und mit ihm die Fähigkeit, rechtzeitig die Reißleine zu ziehen.
Dabei hätte ein genauerer Blick auf die Strukturen hinter dem Hochglanzprojekt früh Fragen aufwerfen müssen. Es ist es kein Geheimnis, dass komplexe Firmengeflechte mit dutzenden Tochtergesellschaften kein organisatorisches Versehen sind, sondern vor allem systematisch Transparenz, Haftung und demokratische Kontrolle erschweren. Das ist für Investoren praktisch. Für eine Stadt, die im öffentlichen Auftrag handelt, ist es ein untragbarer Zustand.
Darüber hinaus stellt sich die Frage, welche steuerlichen Vorteile solche Konstruktionen ihren Betreibern verschaffen, z.B. durch konzerninterne Verlustverrechnung oder die Vermeidung von Grunderwerbsteuer durch sogenannte Share Deals. Das ist in der Immobilienbranche gängige Praxis und öffentlich dokumentiert. Leverkusen hat ohnehin einen der niedrigsten Gewerbesteuersätze Deutschlands. Welche Steuereinnahmen der Stadt durch solche Strukturen entgangen sein könnten, wäre eine weitere Frage wert, nicht nur im Fall Cube.
Wem gehört diese Stadt und für wen wird sie gebaut?
Jetzt, wo das Kartenhaus zusammenbricht, soll das Bahnhofsquartier offenbar abgespeckt werden: weniger Gewerbe, weniger Architekturqualität, mehr Wohnungen. Ob diese Wohnungen bezahlbar sein werden, wer sie bauen soll und unter welchen Bedingungen, steht in den Sternen. Genau hier muss die Stadt jetzt Farbe bekennen, denn die eigentliche Frage für uns Leverkusener:innen ist an diesem Punkt nicht, wie Cube aus der Insolvenz kommt, sondern wem diese Stadt eigentlich gehört und für wen sie gebaut wird. Die Stadt Leverkusen darf das Bahnhofsquartier nicht einfach dem nächsten privaten Investor überlassen. Wohnraum ist keine Ware. Boden ist keine Spekulationsmasse. Stadtentwicklung ist eine öffentliche Aufgabe und sie muss endlich auch wieder als solche organisiert werden.
Was spätestens jetzt dringend überfällig ist, ist volle Transparenz der Stadt über alle noch laufenden Cube-Verfahren und deren Auswirkungen auf städtische Planungen und einen ehrlichen Bericht der Verwaltung an den Stadtrat: Was hat die enge Abhängigkeit von Cube die Stadt in Zeit, Geld und verpassten Möglichkeiten gekostet?
Bauturbo ohne soziale und demokratische Leitplanken: dieselben Fehler, nur schneller
Der voraussichtlich ab Juli in Leverkusen in Kraft tretende modifizierte „Bauturbo" beruht auf genau denselben Mechanismen dieses zusammengebrochenen Kartenhauses: Beschleunigung für Investoren, keine verbindlichen Gegenleistungen für die Allgemeinheit, während sie alleinig die Risiken und Konsequenzen schultern soll. Wer den Bauturbo im Juli ohne soziale Leitplanken beschließt und dem vorgesehenen Abbau demokratischer Kontrolle und öffentlicher Mitbestimmung zustimmt, hat aus der Cube-Insolvenz nichts gelernt oder will nichts lernen.
Jetzt die Weichen anders stellen
Die Cube-Insolvenz ist eine Zäsur. Sie bietet die Chance, in Opladen und in Leverkusen insgesamt einen anderen Weg einzuschlagen. Einen, bei dem Boden und Wohnraum nicht länger als Renditeobjekte behandelt werden. Einen, bei dem die Stadt nicht wartet, bis private Projekte scheitern, sondern selbst gestaltet. Einen, bei dem nicht private Renditeziele den Takt vorgeben, sondern die Frage, welche Stadt wir für wen bauen wollen.
Diese Chance darf die Politik nicht ungenutzt lassen.
--
Kölner Stadt Anzeiger vom 22.05.2026; „Cube Real Estate - Opladener Bahnstadt-Entwickler geht in Insolvenzverfahren“
